Wenn dein Heimatort sich nicht mehr wie die Heimat anfühlt

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Die Tickets sind gebucht. Du begibst dich auf dem Weg nach Hause. Du bist aufgeregt und freust dich auf den Ort, an dem du einst aufgewachsen bist. Auf deine Heimat.

Doch eines Tages wirst du nach Hause kommen und feststellen, dass sich etwas verändert hat. Das Haus, in dem du einst groß geworden bist, ist nicht mehr dasselbe. Während du mit deinen vollgepackten Taschen vor dem Haus stehst, die graue Fassade betrachtest und deine Augen über den einst weißen Zaun schweifen lässt, wird dir klar, dass es noch genauso aussieht, wie an dem Tag, an dem du es verlassen hast.

Doch sobald du dein Zimmer betrittst, bemerkst du, dass es dieses Mal anders ist. Dein Zimmer, in dem du jahrelang gelebt hattest, mit Barbies und Kens gespielt, Poster deiner Popstars aufgehängt und über deine erste Liebe in der 5. Klasse geweint hattest, bietet dir nicht mehr die übliche Faszination und Sicherheit wie vor fast 20 Jahren.

Langsam fährst du mit deinen Fingern an der Schreibtischkante entlang. Der Schreibtisch, an dem du einst deine ersten Geschichten geschrieben und die schönsten Bilder gezeichnet hattest. Dies ist der Ort, an dem du deine kreative Seite entdeckt hattest. Die Seite, die deinen Werdegang bestimmte. Und doch ist das Gefühl anders. Du wirst nicht wie sonst von einer Welle der Nostalgie übermannt. Irgendwas hat sich verändert. Irgendwer.

Ich war mehr als erleichtert, als ich auszog. Dies war nicht das Leben, das ich mir für mich wünschte. Ich wusste, dass die Welt so viel mehr für mich bereitstellte. Ich sah mich nicht mit Kindern und Ehemann in diesem Kaff leben. Auch wenn es für mich damals das Allergrößte war, es bietet mir heute nichts, dass ich gerne an meine Kinder weitergeben möchte.

Die Magie verblasst.

Der Gedanke an den Ort, an dem du einst aufgewachsen bist, ist nun ein Ergebnis deiner nostalgischen Fantasie. Wenn du auf demselben Spielplatz wie vor 20 Jahren stehst, fühlst du nicht mehr denselben Zauber. Dieser Platz erschien in deinen Kinderaugen weit und grenzenlos. Doch in dem Moment wird dir klar, dass deine Erinnerung daran größer war, als sie in Wirklichkeit ist.

Wenn du durch die vertrauten Straßen deiner Kindheit läufst, erkennst du, dass sich rein gar nichts verändert hat. Du siehst eine andere Generation von Menschen, die jedoch genau dasselbe tun, wie vor 20 Jahren. Du siehst dieselben Schilder, dieselben Nachbarn vor dem Pub (nur 2 Dekaden älter) und dieselbe Schule, die noch genau in derselben Form und derselben Farbe unberührt dasteht. Dies war meine Welt.

Zurück im Haus ist es nicht anders. Es hat sich äußerlich nicht viel verändert. Doch du fühlst dich nicht mehr so geborgen wie einst zuvor. Du fühlst dich wie ein Fremder im Erinnerungsflashback eines anderen. Du bist diesem Leben entwachsen.

Dennoch erweckt vieles um dich herum Erinnerungen. Diese Parkbank, dieser Spielplatz und diese Haltestelle. Doch alles, was einst groß und aufregend war, ist nun ein gewöhnlicher Ort, der nur von einem Hauch von Nostalgie erfüllt ist.

Nachdem man mehr von der anderen Seite des Lebens auf der anderen Seite der Welt gelernt hat, erkennt man, dass ja, Nostalgie wunderschön ist, du aber nicht in der Vergangenheit leben kannst. Und willst. Du siehst hier keine Zukunft für dich. Hier seine Wurzeln schlagen? Für dich unmöglich.

Es ist wie Urlaub.

Du opferst die wenigen Urlaubstage, die du im Jahr hast, um hierher zu fahren. Weiterhin hast du auch nicht dieselben Aufgaben wie vor 20 Jahren. Keiner der dich darum bittet, den Müll rauszutragen, dein Zimmer aufzuräumen oder das Geschirr abzuwaschen (obwohl du das natürlich auch so unaufgefordert tust). Es fühlt sich an, wie ein Ort der Erholung, den man nach einigen Tagen wieder verlässt und nach Hause zurückkehrt.

Du hast wenig mit Schulfreunden gemein.

Je älter man wird, desto mehr stellt man fest, dass man mit den Leuten, mit denen man jahrelang zur Schule gegangen ist, nicht viel gemeinsam hatte. Wenn man ein Kind ist, kann man sich schnell und leicht mit einfach jedem anfreunden. Allein der Fakt, dass ihr zur selben Schule gegangen seid, hat gereicht, um BFF’s zu werden und Essen und Barbies zu teilen.

Nachdem du wieder zurück an deinen „Heimatort“ gekehrt bist, stellst du jedoch fest, dass ihr nicht das Geringste gemein habt. Manche deiner Mitschüler leben noch immer hier. Verbringen ihren Tag genau wie ihre Eltern es einst getan haben. Und es läuft einfach großartig für sie! Das was jedoch für sie einwandfrei funktioniert und ein erfülltes Leben darstellt, ist für dich einfach nicht genug.

Je älter man wird, desto öfter sieht man Freunde aus dem Leben verschwinden. Die Freunde, die du jetzt noch hast, haben mit dir so viel mehr gemein, als den simplen Fakt, dass ihr in derselben Straße wohnt oder jeden Morgen denselben Bus nehmt. Diese Freunde teilen Träume, Wünsche und Ziele mit dir. Sie sind wie du und sind ihrem „Heimatort“ ebenfalls entwachsen, um sich in ein aufregendes Leben voller neuer Eindrücke und Abenteuer zu stürzen.

Du bist ein Fremder.

Du fühlst dich wie ein Fremder in einer anderen Welt, ein wenig wie Alice im Wunderland. Du befindest dich an einem Ort voller verrückter Menschen, die sich dafür entschieden haben, nun ja, nichts Verrücktes zu machen.

Es ist nun einmal ein unvermeidliches Resultat vom Erwachsenwerden: Man entwächst. Es trifft dich wie ein Blitz, aber es geschieht. Trotz allem ist und wird dieser Ort, den du einst Heimat nanntest, immer voller Nostalgie und Erinnerungen sein. Tatsache jedoch ist, dass sich unsere Sichtweise über die Heimat verändern wird.

Kinder kreieren ihre eigene Welt. Gestalten ihr Leben so, wie sie es für faszinierend und aufregend halten. Lassen sich ermutigen, beeindrucken und sich von niemanden Dinge schlechtreden. Egal wo ein Kind aufwächst, so lange es Geborgenheit und Liebe der Familie erfährt, fühlt es sich überall wie zu Hause. Und je älter wir werden, desto mehr gestalten wir unsere Heimat selbst, auch unabhängig von unseren Eltern. Heimat ist nämlich kein Ort. Es ist ein Gefühl.

Diana Buatis

Diana ist ein wahrer Reisejunkie, den alle 2 Wochen das Fernweh packt. Wenn sie nicht gerade von weißen Inseln und der unendlichen Weite des Meeres träumt, findest du sie im Park mit fremden Hunden spielen oder in einem ihrer Lieblingscafés in Berlin fleißig für ihren Blog schreiben.

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